Was sind informell Pflegende?

Eurocarers definiert informell Pflegende – oder auch pflegende Angehörige – als Personen, die unbezahlte Pflege und Unterstützung für jemanden mit einer chronischen Erkrankung, Behinderung oder anderem anhaltenden Gesundheits- oder Pflegebedarf leisten – außerhalb eines beruflichen Rahmens.

Frauen übernehmen dabei viel öfter eine Pflegerolle als Männer und übernehmen auch eher Körperpflege.[i] Da die Pflege eines Angehörigen viele Anforderungen stellt, hat sie auch Einfluss auf alle Aspekte des Lebens: körperlich, psychologisch, emotional, sozial und finanziell.

Der Begriff Pflegebelastung beschreibt, wie pflegende Angehörige die Pflege erleben. Sie wird durch eigene Bedürfnisse, die Erkrankung der Angehörigen und durch soziale Unterstützung beeinflusst. Aber auch durch objektive Faktoren, wie die Dauer der Pflege und die Zahl der Pflegeaufgaben kann sich die wahrgenommene Pflegebelastung verändern.

Beispielsweise fordert die Pflege eines Menschen am Anfang einer chronischen Erkrankung ganz andere Unterstützung durch den Angehörigen als die Pflege in einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium oder am Ende des Lebens der Erkrankten.

 

Fallbeispiel 1

Johan pflegt seine Frau Marie nun schon seit 7 Jahren. Er ist seit 10 Jahren Rentner, aber seit dem Tag, an dem Marie eine Alzheimer Diagnose bekam, fokussierte er all seine Zeit und Energie auf ihre Versorgung. Johan bekommt keine Unterstützung von Familie oder Freunden. Das letzte Mal, dass er mit einem Freund sprach, war vor 2 Jahren.

Letztes Jahr wurden Johan’s Kopfschmerzen immer stärker, er hatte Schlafstörungen und achtete kaum noch auf sich selbst. Er fühlte sich depressiv. Vor kurzem hat er schließlich den Hausarzt der Familie besucht und um Hilfe gebeten.

 

Die Rolle als pflegende Angehörige

Angehörigenpflege ist eine komplexe Rolle. Am Anfang der Pflegeübernahme sehen sich die meisten pflegenden Angehörigen oftmals nicht als solche. Sie empfinden die Pflege als normale Weiterführung der Rolle als Ehefrau, Tochter, Sohn oder Schwiegertochter.

Die Beziehung zum pflegebedürftigen Menschen verändert sich im Laufe der Erkrankung und wird wiederum dadurch beeinflusst, wie die Qualität der Beziehung vor der Erkrankung gewesen ist.

 

Fallbeispiel 2:

Anna’s Beziehung zu ihrem Ehemann Georg ist schon seit vielen Jahren nicht mehr zufriedenstellend. Mit 65 Jahren wurde Georg mit einer Demenz diagnostiziert. Oft beschwert sich Anna bei den Mitarbeitern des Pflegedienstes, dass sie mit ihrer Wut nicht mehr richtig umgehen kann. Sie wird oft wütend, wenn Georg Dinge vergisst oder sich häufig wiederholt. Manchmal wird sie dann auch gewalttätig ihm gegenüber.

 

Pearlin gibt durch sein „Stress Process Model“ eine Interpretation der psychologischen und emotionalen Dimensionen der Pflege an die Hand. Demnach hängt die empfundene psychologische Belastung vom Zusammenspiel einiger Faktoren ab:

  • Merkmale des Pflegebedürftigen und des Angehörigen selbst (Alter, Bildungsgrad, Geschlecht, soziale Netzwerke),
  • getrennte Wohnsituation oder gemeinsame Wohnung,
  • Grad der Selbstständigkeit der pflegebedürftigen Person,
  • Familienkonflikte,
  • finanzielle Situation,
  • soziale Teilhabe, psychologische Faktoren und Copingstrategien.[i]

 

 

Die Rolle informeller Pflege in der Langzeitpflege

In vielen EU Ländern, insbesondere in Skandinavien, wurden politische Maßnahmen zur Unterstützung von Langzeitpflege und informeller Pflege durch Angehörige geschaffen. Das skandinavische Modell bietet pflegenden Angehörigen beispielsweise ein breites Hilfenetz an. Auch Großbritannien, Irland und die Niederlande sprechen pflegenden Angehörigen eigene Rechte zu. In vielen östlichen und südlichen Ländern der EU wird die Rolle pflegender Angehöriger dagegen kaum anerkannt sondern als Teil des traditionellen Familienmodells wahrgenommen.

 

Weiterführende Links

Brennpunkt Pflege – Angehörigenpflege

 

Auf Englisch:

Eurocarers factsheets (http://www.eurocarers.org/library_factsheets.php)

Eurofamcare report (http://www.eurocarers.org/library_factsheets.php)

Interlinks report on long term care (http://interlinks.euro.centre.org )

 

Quellen:

[i] Glendinning, C.& Bell, D., (2008), Rethinking social care and support: What can England learn from other countries? .View point, November 2008, York: Joseph Rowntree Foundation.

[ii] Pearlin, L.I., Mullan, J.T., Semple, S.J et al (1990). Caregivers and the stress process: an overview of concepts and their measures. The Gerontologist, 30:583-594